Binance-Hack: Wie Nordkorea mit falschen Jobinterviews 6,3 Milliarden Dollar erbeutete
Ein manipuliertes Entwicklerprogramm, gefälschte Bewerbungsgespräche und ein internes KI-Werkzeug: Binance legt offen, wie Hacker den größten Kryptoraub der Geschichte vorbereiteten. Ablauf, Schaden und Reaktion.
6,34 Mrd. $abgeflossen aus Binance-Wallets am 29. Oktober 2026, größter Kryptodiebstahl der Geschichte
98 %der betroffenen Bestände hat Binance aus eigenen Mitteln ersetzt
rund 3 Mrd. $eingefroren durch Binance, Tether, Circle und andere
10Blockchains, über die das Geld abgezogen wurde
Falsches Tool
Falsches Interview
KI-Werkzeug
Wallets geleert
Stand: 3. November 2026. Angaben von Binance, eingefrorene Summe je nach Quelle zwischen 2,85 und 3 Milliarden Dollar. Quellen [1], [2], [3].
In diesem Artikel8 Abschnitte
Der größte Kryptoraub der Geschichte begann nicht mit einem genialen Code-Angriff, sondern mit einer Internetanzeige. Im Juni suchte ein Binance-Entwickler nach einem beliebten KI-Programmierwerkzeug und installierte dabei eine manipulierte Version eines Entwicklerprogramms. Im September folgten gefälschte Bewerbungsgespräche mit einem zweiten Entwickler. Am 29. Oktober flossen dann in etwa 20 Minuten 6,34 Milliarden Dollar ab. [1][4]
Das geht aus dem ersten Untersuchungsbericht hervor, den Binance am Dienstag veröffentlicht hat. Co-Chef Richard Teng sagte dem US-Sender CNBC, die Angreifer hätten sich über Monate hineingearbeitet. Es habe nicht den einen Fehler auf dem Laptop eines einzelnen Mitarbeiters gegeben. Das FBI ordnet den Angriff der nordkoreanischen Hackergruppe TraderTraitor zu, Nordkorea bestreitet das. [1][5]
So lief der Angriff ab
Laut Binance kombinierten die Angreifer mehrere Methoden: Manipulation von Menschen über gefälschte Bewerbungsgespräche, präparierte Software-Downloads, ein missbrauchtes internes KI-Werkzeug und eine ausgefeilte Methode, Transaktionen freigeben zu lassen. [6]
ECONOMY FIRST · ZEITLEISTE
Von der Google-Anzeige zum Milliardenraub
Juni 2026
Ein Entwickler aus dem Wallet-Team sucht ein KI-Programmierwerkzeug, klickt auf eine Anzeige und installiert eine manipulierte Version des Entwicklerprogramms Homebrew. Binance bemerkt das, tauscht den Rechner und die Zugangsdaten aus. Die Angreifer wissen aber jetzt, wer im Wallet-Team arbeitet.
September 2026
Falsche Personalvermittler sprechen einen zweiten Entwickler über LinkedIn an. Nach mehreren Gesprächen soll er eine Programmieraufgabe lösen. Darin steckt Schadsoftware, die keine Sicherheitssoftware erkennt.
20. Oktober 2026
Über den infizierten Rechner und ein internes KI-Werkzeug übernehmen die Angreifer die Systeme von zwei Wallet-Entwicklern. Dort finden sie eine Berechtigung, mit der sich Software im Wallet-System einspielen lässt.
29. Oktober 2026, ab 21:05 Uhr
Über das System, das Auszahlungen freigibt, schicken die Angreifer Überweisungen aus den Wallets. Der Großteil fließt in rund 20 Minuten ab.
Bemerkenswert ist der erste Schritt im Juni. Binance hatte den Angriff damals bemerkt und reagiert, aber zu spät: Die Angreifer hatten bereits erfahren, welche Rolle der Mitarbeiter hatte und wer mit ihm an den Wallets arbeitet. Damit wussten sie, wen sie im September gezielt anschreiben mussten. Der zweite Entwickler hatte seine Tätigkeit bei Binance in seinem LinkedIn-Profil angegeben. [1][7]
Die Schadsoftware aus der Programmieraufgabe ersetzte während der Einrichtung ein harmloses Entwicklerwerkzeug durch eine manipulierte Version. Sie war laut Binance bis dahin unbekannt, verbarg ihre Aktivität und löschte ihre Spuren. Die Sicherheitsprogramme auf den Rechnern schlugen nicht an. [8]
Die Rolle der KI: Werkzeug für die Angreifer
Ein neues Element ist das interne KI-Werkzeug. Binance setzt solche Werkzeuge für die eigenen Entwickler ein. Die Angreifer nutzten es, um sich von einem infizierten Rechner aus weiter vorzuarbeiten und die Kontrolle über die Systeme der Wallet-Entwickler zu übernehmen. Teng beschrieb, die Angreifer hätten sich über die KI-Werkzeuge bis zu dem System bewegt, das Wallet-Transaktionen freigibt. [1][4]
Dazu passt, womit alles begann: Der erste Mitarbeiter suchte im Juni nach einem KI-Programmierwerkzeug. Die Begeisterung für neue KI-Tools wird damit selbst zum Einfallstor. Binance kündigte an, mehr Geld in KI-gestützte Angriffserkennung zu stecken und mit führenden KI-Unternehmen an gezielten Sicherheitsprojekten zu arbeiten. [4]
Die Masche ist bekannt, auch in Deutschland
Gefälschte Bewerbungsgespräche sind eine bekannte Methode nordkoreanischer Hacker. Im September warnten das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst gemeinsam mit Behörden aus den USA, Japan und Australien vor genau diesem Vorgehen. In der Sicherheitsszene heißt die Kampagne „Contagious Interview“, also „ansteckendes Vorstellungsgespräch“. [9]
Das Muster laut Behörden: Die Angreifer geben sich auf Jobportalen, in sozialen Netzwerken oder auf Plattformen für Freiberufler als Vertreter von KI- oder Kryptofirmen aus. Im Bewerbungsprozess soll der Kandidat eine Aufgabe lösen und dafür eine Datei herunterladen, die Schadsoftware enthält. Die Gruppe soll so mehr als 30.000 Geräte in über 100 Ländern infiziert haben. Das Geld dient laut den Behörden dazu, Sanktionen zu umgehen und Nordkoreas Rüstungsprogramm zu finanzieren. [9][10]
Dieselbe Gruppe TraderTraitor machte das FBI bereits für den Angriff auf die Kryptobörse Bybit im Februar 2025 verantwortlich. Damals wurden rund 1,5 Milliarden Dollar erbeutet, bis zum Binance-Hack der Rekord. [11][12]
ECONOMY FIRST · REKORDE
Binance übertrifft den bisherigen Rekord um das Vierfache
Erbeuteter Betrag in Milliarden US-Dollar
Binance, Oktober 20266,34
Bybit, Februar 2025rund 1,5
Beide Angriffe ordnet das FBI der nordkoreanischen Gruppe TraderTraitor zu. Quellen [1], [11], [12].Daten und Text zur Grafik
Angriff
Betrag (Mrd. US-Dollar)
Binance, 29.10.2026
6,34
Bybit, Februar 2025
rund 1,5
Was weg ist, was ersetzt ist, was eingefroren wurde
Binance hat versprochen, alle Kundenverluste zu übernehmen, und dafür mehr als 6,34 Milliarden Dollar aus eigenen Mitteln zurückgestellt. Bis Dienstag seien 98 Prozent der betroffenen Bestände wieder aufgefüllt. Für den Rest kauft Binance noch Token, die am Markt schwer zu bekommen sind. [1][13]
Wichtig ist der Unterschied zwischen ersetzt und zurückgeholt. Dass Binance 98 Prozent ersetzt hat, heißt nicht, dass das gestohlene Geld wieder da ist. Binance zahlt aus der eigenen Kasse. Zurückgeholt oder blockiert ist bisher etwa die Hälfte. [14]
ECONOMY FIRST · DIE BILANZ
Den Kunden fehlt fast nichts, Binance fehlen Milliarden
Posten
Betrag
Was das bedeutet
Abgeflossen
6,34 Mrd. $
aus Wallets auf zehn Blockchains
Von Binance ersetzt
98 %
aus eigenen Reserven, Rest wird nachgekauft
Eingefroren oder abgefangen
2,85 bis 3 Mrd. $
durch Binance, Tether, Circle, Ripple und Partner
davon Tether allein
rund 1,57 Mrd. $
gesperrte Stablecoins USDT
Noch auf der Flucht
über 3 Mrd. $
wird über Geldwäsche-Kanäle weiterbewegt
Stand: 3. November 2026. Die eingefrorene Summe schwankt je nach Quelle und Kursentwicklung, „noch auf der Flucht“ ist die Differenz und damit eine eigene Rechnung. Quellen [1], [2], [3], [15].
Tether, Herausgeber des größten Stablecoins, sperrte nach eigenen Angaben mehr als 1,5 Milliarden Dollar seiner Währung USDT. Stablecoins sind Kryptowährungen, die an den Dollar gekoppelt sind, und ihre Herausgeber können einzelne Adressen blockieren. Coinbase stoppte Überweisungen an die Wallets der Angreifer und bot Binance direkte Hilfe an. [15][1]
So reagierten Kunden und Markt
Binance stoppte direkt nach dem Angriff Ein- und Auszahlungen. Ab dem 1. November öffnete die Börse die Auszahlungen schrittweise wieder, zuerst für Bitcoin, dann für Ethereum und die BNB-Chain. [13]
Danach zogen Kunden Geld ab. In den 46 Stunden nach dem Angriff wurden Kryptowährungen im Wert von knapp 11 Milliarden Dollar abgehoben, 5,28 Milliarden Dollar mehr als eingezahlt. Teng sagte, inzwischen lägen die stündlichen Einzahlungen wieder über den Auszahlungen. Gemessen an den rund 171 Milliarden Dollar, die Binance verwaltet, blieb ein Ansturm wie bei FTX 2022 aus. [16][20]
ECONOMY FIRST · MARKTREAKTION
Der Binance-Token trifft es am härtesten
Kursverlust am Tag nach dem Angriff in Prozent, 30. Oktober 2026
BNB−6,0 %
Ether−4,4 %
Bitcoin−4,1 %
Bitcoin fiel auf rund 77.450 Dollar, Ether auf rund 2.230 Dollar, BNB auf rund 701 Dollar. Quelle [17].Daten und Text zur Grafik
Kryptowährung
Veränderung
Kurs
BNB
−6,0 %
701,18 $
Ether
−4,4 %
2.229,50 $
Bitcoin
−4,1 %
77.445,96 $
Bitcoin fiel zeitweise unter 77.000 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit mehr als einem Monat. Allerdings lasteten zur selben Zeit auch schwache Technologieaktien auf dem Markt. Über das Wochenende stabilisierten sich die Kurse. Marktbeobachter werteten das als Zeichen, dass Anleger Binance zutrauen, den Schaden selbst zu tragen. [18][19]
Was Binance jetzt ändert
Laut Teng hat Binance das betroffene Wallet-System und das interne KI-Werkzeug in einer neuen Umgebung neu aufgebaut. Betroffene Rechner wurden ersetzt, Zugangsdaten der betroffenen Entwickler gesperrt und die Sicherheitsprüfungen auf allen Mitarbeitergeräten ausgeweitet. Ein unabhängiger Experte soll alle Maßnahmen prüfen. Im Bericht entschuldigt sich Binance: Das hätte nicht passieren dürfen. [1][4]
Economy-First-Fazit: Die Schwachstelle sitzt vor dem Bildschirm
Der Binance-Hack zeigt, dass auch die größte Kryptobörse der Welt nicht an der Technik scheitert, sondern an Menschen. Die Angreifer brauchten eine Anzeige, ein LinkedIn-Profil und eine glaubwürdige Bewerbungssituation. Für Anleger ist die gute Nachricht, dass Binance den Schaden aus eigener Kraft tragen kann und kein Kunde Geld verliert. Die schlechte ist, dass Nordkoreas Hacker diese Masche immer professioneller betreiben und mit jedem Erfolg mehr Geld für die nächsten Angriffe haben. Für jedes Unternehmen mit Entwicklern, nicht nur in der Kryptobranche, ist dieser Bericht eine Pflichtlektüre.
4 Fragen kurz erklärt
Häufig gestellte Fragen
Wie viel Geld wurde bei Binance gestohlen?
Am 29. Oktober 2026 flossen rund 6,34 Milliarden Dollar aus Binance-Wallets auf zehn Blockchains ab. Es ist der größte Kryptodiebstahl der Geschichte. Etwa 2,85 bis 3 Milliarden Dollar wurden eingefroren oder abgefangen. [1][2]
Wer steckt hinter dem Binance-Hack?
Das FBI ordnet den Angriff der nordkoreanischen Hackergruppe TraderTraitor zu, die auch für den Bybit-Hack 2025 verantwortlich gemacht wird. Nordkorea bestreitet die Vorwürfe. Binance selbst nennt keinen Täter. [5][1]
Wie funktionierten die gefälschten Jobinterviews?
Falsche Personalvermittler sprachen einen Binance-Entwickler über LinkedIn an und führten mehrere Bewerbungsgespräche. Am Ende sollte er eine Programmieraufgabe lösen, in der Schadsoftware versteckt war. Darüber gelangten die Angreifer in die internen Systeme. [1][7]
Verlieren Binance-Kunden Geld?
Nach Angaben von Binance nicht. Die Börse hat versprochen, alle Verluste zu übernehmen, und bis zum 3. November 98 Prozent der betroffenen Bestände aus eigenen Mitteln ersetzt. Auszahlungen laufen seit dem 1. November schrittweise wieder. [1][13]
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